Das plötzliche Ende von CentOS 8

13.12.2020

Red Hat hat die CentOS Community erschüttert. Es wurde  angekündigt , dass CentOS 8 nicht in der bisher versprochenen Weise bis 2029 supported wird, sondern nur bis Ende 2021. Stattdessen gibt es nun CentOS Stream, das Softwarepakete ausliefert, die neuer und dementsprechend weniger getestet sind. CentOS entspricht dann also nicht mehr Red Hat Enterprise Linux (RHEL). Der Zeitpunkt dieser Ankündigung ist denkbar ungünstig: Erst im November diesen Jahres ist der Support für CentOS 6 ausgelaufen und viele Unternehmen haben eine Migration von CentOS 6 auf CentOS 8 durchgeführt.

Welche Optionen gibt es?

Für eine Produktivumgebung ist es wichtig, durch Updates von Systemkomponenten keine unerwarteten Seiteneffekte zu bekommen. Als Administrator möchte man sich darauf verlassen können, Sicherheitsupdates automatisch einspielen zu können und dabei noch ruhig zu schlafen. Im Release-Management friert man also in der Regel das Funktionslevel sämtlicher Pakete ein und veröffentlicht nur noch Fehlerbehebungen und Sicherheitspatches. Releases, die besonders lange unterstützt werden, nennt man "Long-Term Support"-Versionen (LTS).

Rocky Linux

Bildquelle Pixabay Linux Pinguin

Der CentOS Gründer Gregory Kurtzer hat auf diese Ankündigung hin das Projekt " Rocky Linux " ins Leben gerufen. Es folgt dem ursprünglichen Ziel von CentOS, eine freie Version von RHEL bereitzustellen. Da das Projekt gerade erst gestartet ist, werden wohl noch einige Wochen oder Monate vergehen, bis eine stabile Version veröffentlicht wird. Zu hoffen ist, dass man bestehende CentOS 8 Systeme auf Rocky Linux migrieren kann. Das Projekt bekommt in der Community jedenfalls gerade sehr viel Aufmerksamkeit und legt eine beeindruckende Geschwindigkeit im Aufbau der nötigen Infrastruktur vor. Der Name geht auf den inzwischen verstorbenen CentOS-Mitgründer Rocky McGaugh zurück.

CentOS Stream

Ein Wechsel auf CentOS Stream gestaltet sich sehr einfach. Es stellt sich allerdings die Frage, inwieweit die Stabilität unter dem neuen Releasemodell leidet:

"CentOS Stream now sits between the Fedora Project’s operating system innovation and RHEL’s production stability. " [ Quelle: Red Hat Blog ]

Es entsteht der Eindruck, Red Hat möchte die direkte Konkurrenz zur eigenen kommerziellen Distribution schwächen. 

Red Hat Enterprise Linux 8

Der einfachste und sicherste Weg ist wohl der Wechsel zu Red Hat Enterprise Linux 8. Das kostet natürlich Gebühren und man muss sich erstmal mit der Lizenzthematik beschäftigen. So gibt es z.B. unterschiedliche Lizenzen für physikalische Systeme, virtuelle Maschinen und Entwicklerrechner. Ausnahmen gibt es für Server von Open Source Projekten. Einige Infos dazu finden sich im Red Hat Store .
Weitere RHEL-basierte Optionen sind Amazon Linux, das für Systeme in AWS optimiert wurde und Oracle Linux. Aufgrund der Bindung an diese Unternehmen, der speziellen Ausrichtung und der kleineren Community würden wir diese Distributionen zum aktuellen Zeitpunkt nicht allgemein empfehlen. 

Alternativen außerhalb des Red Hat Ökosystems

Neben RHEL-basierten Distributionen gibt es noch weitere interessante Kandidaten auf dem Markt

Suse

Suse Linux Enterprise Server ist wie RHEL eine kommerzielle Distribution. Die LTS-Version bietet sogar Updates für 13 Jahre. Für die freie Version OpenSuse ist der Lifecycle nicht genau festgelegt. Jede Hauptversion wird mindestens 3 Jahre unterstützt .

Ubuntu LTS / Debian

Debian ist eine der ältesten Linux-Distributionen. Das erste Release stammt von September 1993. Ubuntu ist im Jahr 2004 als Fork aus Debian hervorgegangen.
Ubuntu und Debian bieten ebenfalls LTS-Versionen an. Die aktuelle Ubuntu LTS Version ist 20.04 (April 2020). Ubuntu LTS Releases werden fünf Jahre lang unterstützt, das heißt für 20.04 bis Ende April 2025 . Die aktuelle Debian-Version (Buster) wurde im Juni 2019 veröffentlicht und wird bis Juni 2024 unterstützt .
Der LTS-Support von 5 Jahren ist im Vergleich zu den 10 Jahren von CentOS natürlich deutlich kürzer. Andererseits: Vielleicht ist es ja gar nicht schlecht, alle 5 Jahre mal seine Pakete zu updaten, um von neuen Konzepten und Funktionen zu profitieren. 

FreeBSD

FreeBSD ist keine Linux-Distribution sondern ein eignes unixoides Betriebssystem . Es enthält einen komplett anderen Kernel, wird aber für ähnliche Aufgaben eingesetzt. Jede Hauptversion von FreeBSD wird explizit 5 Jahre unterstützt . Updates auf eine neue Hauptversion sind recht einfach und bringen oft nur konservative Änderungen am Hauptsystem mit sich. 

Wie sehen die Systeme bei actidoo aus?

Aktuell laufen die meisten unserer Host-Systeme auf CentOS 7, das bis 2024 unterstützt wird. Es liefert eine stabile Basis zum Ausführen von Docker-Containern. So gut wie alle Anwendungen laufen in Docker-Containern. Die Container sind meistens auf Basis von Debian Stable aufgebaut. Der Update-Zyklus ist hier regelmäßiger und es gibt eine große Auswahl an Paketen. Unsere Storage-Server laufen auf FreeBSD. Auch mit dieser Wahl sind wir sehr zufrieden. Außerdem gibt es noch einige Desktopsysteme auf Basis von Ubuntu, da Canonical sehr gute Hardwareunterstützung bietet.

Unsere Empfehlung

Je nach Situation etwas unterschiedlich

Wir hatten für kommendes Jahr ein Update der Hostsysteme auf CentOS 8 geplant. Das wird jetzt wohl nichts mehr. Wir werden das Update zunächst noch etwas aufschieben und die Entwicklung von Rocky Linux beobachten. Zum Glück gibt es im Zweifel noch genügend attraktive Alternativen.

Da unsere Systeme noch auf CentOS 7 sind, bekommen wir Updates bis 2024 - dort eilt also nicht so sehr.

Kunden und anderen Unternehmen, die bereits CentOS 8 im Einsatz haben, empfehlen wir, ebenfalls noch ein paar Monate abzuwarten. Spätestens Mitte nächsten Jahres sollte hier aber eine Entscheidung getroffen werden, damit man noch genügend Zeit hat, eine Migration einzuplanen.

Wenn Sie eine individuelle Empfehlung zu Ihrer Systemlandschaft benötigen, kommen Sie gerne auf uns zu.

Marcel Sander

Marcel Sander

Über den Autor

Marcel ist Geschäftsführer und Mitgründer der ActiDoo GmbH. Er hat einen technischen Hintergrund als Full-Stack Entwickler und einen Master Of Science in Informatik von der Universität Paderborn.